Dissertationen schreiben und rezensieren, zugl. erster Eintrag

Mein erster Blogeintrag seit ... sehr, sehr langer Zeit. Auf einem eigenen Webspace, einer eigener Domain und dem Gefühl mich auf einer Schwelle zu befinden, die glücklicherweise noch keine Entscheidungen erzwingt.

Rezensionen schreiben

Ich darf, soll, kann eine Rezension zu einem Buch zu schreiben, dass sehr nahe an meiner eigene Dissertation liegt, die ich gerade eingereicht habe. Die Arbeit ist eine historische Untersuchung zur Elektrokrampftherapie (EKT) und Todesstrafe. Da die EKT das Thema meiner Dissertation ist und wurde ich gefragt, ob ich die Arbeit nicht rezensieren könnte. Da ich in der deutschen Geschichtswissenschaft eine der wenigen Personen bin, die sich mit diesem Thema beschäftigen, scheint die Auswahl naheliegend und entspricht den disziplinären Gepflogenheit. Jemand mit weitgehenden Kenntnissen zum Thema und zur Forschungslandschaft soll die Arbeit kritisch einordnen. Trotzdem fühlt es sich sehr seltsam an, eine andere Dissertation zu kritisieren. Im Laufe der Lektüre und des Schreibens haben sich hierfür einige Gründe ergeben:

  • Meine Arbeit erfolgt zum gleichen Thema und ich befinde mich in einer direkten Konkurrenz-Situation zum Autoren, dessen Arbeit bereits einige Aufmerksamkeit erhalten hat. Ich will natürlich auch Aufmerksamkeit für meine eigene Arbeit, die in einem hoffentlich absehbaren Zeitraum erscheinen wird.
  • Die Dissertation hat einen ambivalenten Status zwischen Qualifikationsarbeit und eigenständiger wissenschaftlicher Untersuchung und die Konsequenzen einer negativen Rezension können weitreichend sein.
  • Ich finde die Arbeit wirklich nicht gut; die Gründe hierfür kann dann der geneigte Interessent in der Rezension lesen. Hier geht es um die Fallstricke (ethische?), die ich ob dieser Situation wahrnehmen, aber mglw. gar nicht vorliegen.

Dissertationen rezensieren

Also ist das Problem möglicherweise nicht in der Konstellation zu verorten, in der ich mich befinden, sondern in mir selbst? Ist es eine falsch empfundene Solidarität mit dem Anderen, der ebenfalls am Ende der akademischen Hierarchie steht und dem im Zweifelsfall aufgrund einer negativen Rezension berufliche Weiterentwicklung verwehrt wird? Ist es überhaupt meine Aufgabe mir über diese Konsequenzen meiner kritischen Lektüre, denn darum handelt es sich idealiter, Gedanken zu machen?
Natürlich ist es meine Aufgabe und das Nachdenken führt tatsächlich zum Problem, dem ich mich gegenüberstehend wiederfinde. Es ist der ambivalente Status der Dissertation als eigenständige wissenschaftliche Arbeit einerseits und als abhängige Qualifikationsarbeit anderseits. Es war in den vergangenen vier Jahren immer wieder ein umstrittenes Thema zwischen mir und meiner Betreuerin welchen Status eine Dissertation einnimmt. Ist sie nur Qualifikationsarbeit oder ist sie eine ernst zu nehmende wissenschaftliche Leistung? So polar und binär wie ich diese Dichotomie hier notiere, war sie in allen Gesprächen nie. Die Bewertung erfolgt - gerade zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Schreibens - auf einem Spektrum, situativ und dem Kontext entsprechend. Gegen Ende, wenn alles fertig werden soll, die Zweifel am größten sind, die Verlockung des Scheiterns immer wieder, hinter jeder Seite, aufscheint, dann ist die Disqualifikation der vielen Seiten Text zur Qualifikationsarbeit willkommene Entlastung, die zum Weitermachen und Durchhalten befähigt. Dagegen könnte man guten Gewissens behaupten, dass Autor und Verlag, mglw. sogar die Gutachter dafür bürgen, dass die veröffentlichte Arbeit Wissenschaft ist; oder was auch immer Historiker so tun.
Demgemäß kann ich die veröffentlichte Arbeit eines anderen Wissenschaftlers, sei sie nun einmal ein Dissertation gewesen, als ernst zu nehmende und daher kritisch zu rezensierende Arbeit, lesen und wo nötig auch als schlecht bewerten.

zu einfach?

Diese individualisierende Interpretation des Problems – unter Einschluss eines idealistischen Wissenschaftsverständnisses – ignoriert die wirtschaftliche, gesellschaftliche und universitäre Bedingtheit der Dissertation 2015. In Heidelberg werden jedes Jahr grob 1200 Doktoranden promoviert, das heißt hier steht eine akademische Fabrik, die am Fließband Dissertationen produziert, die auch noch ernst zunehmende wissenschaftliche Arbeiten sein sollen? Das gleiche gilt für die im Rahmen der Exzellenzinitiative gestampften Graduiertenschulen und -Programme. Hier wie dort wird normgerecht in drei Jahren eine Doktorarbeit produziert, in den Naturwissenschaften 150 Seiten und in den Geisteswissenschaften 250 Seiten lang sowie zum größten Teil mit magna cum laude bewertet Promotionsnoten 2002-2013. Allein in dieser Konstellation wird der universitäre und soziale Fokus auf die Promotion als Qualifikationsschritt sichtbar. Dabei, das bleibt zu bemerken, ist die erworbene berufliche Qualifikation jene des Wissenschaftler, was nicht zuletzt am despektierlichen Nachwuchswissenschaftler klar wird, dessen man sich als Dr. endlich schimpfen kann, zu erkennen ist. Und doch bleibt, darin bestätigt mich das LHG §38.2 von Baden-Württemberg, die Dissertation eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit, muss entsprechend der meisten Promotionsordnungen veröffentlicht werden und sich dementsprechend, der Kritik der Öffentlichkeit aussetzen. Angebote wie Dissertation Review bieten dagegen einen geschützten Raum, in dem bisher unveröffentlichte Arbeiten nicht kritisch berichtet werden und im privaten Dialog von Rezensent und Autoren Kritik und Verbesserungsvorschläge vermittelt werden können. Diese Rolle kann, soll ein klassisches Rezensionsorgan aber gar nicht erfüllen. Diese Funktion sollen eigentlich Gutachter, Kolloquien, Konferenzen, Workshops und andere entsprechende Veranstaltungen des mehr oder weniger öffentlichen Austauschs einnehmen.

Das hin und her aus einerseits/andererseits nimmt kein Ende und entgegen des Zwecks dieser Reflektion findet sich keine Eindeutigkeit. Das unbestimmte Grübeln über die ungeahnten Folgen einer entsprechenden Bewertung nagt weiterhin im Hinterkopf. Die Sorge in absehbarer Zeit selbst das Wagnis einzugehen, mein Buch und mich der Öffentlichkeit preiszugeben, mich der gerechtfertigten oder nicht, Kritik auszusetzen und sie ertragen zu müssen, all dies ist präsent im Prozess der Lektüre. Die Strenge dieses Lesens und die Schärfe der Kritik richten sich vielleicht wie ein Bummerang gegen mich. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Oft genug werden frustrierte, ungerechtfertigt scheinende oder besonders scharf formulierte Rezensionen weiter gereicht mit dem Hinweis, dass 'man' das so wohl nicht tuen sollte. Die eigenen Ansprüche guter oder zumindestens ausreichender Wissenschaft können gegen den Rezensenten gerichtet werden, sondern ihre unpassende, übermäßig scharfe Artikulation. Das Problem kann sich nicht auflösen; es folgt aus den Bedingungen der gegenwärtigen Strukturen des universitären Betriebes und weist auf die systemischen Widersprüche der Doktorandenausbildung nach der Exzellenzinitiative. Die gleichzeitige Forderung von beruflicher Qualifikation und wissenschaftlicher Exzellenz, die immer noch auf Noten beharrenden Begutachtungsverfahren, die schiere Anzahl von Promotionen pro Jahr. Die Feststellung dieser Bedingungen, ihre Benennung und teilweise Kritik, bewahren nicht vor dem gegenwärtigen Zwang zur Positionierung, dem individuellen Ausbalancieren und Ertragen der Widersprüche.

Max Gawlich

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