Doktoranden und Universität

Bereits im vorangegangenen Beitrag habe ich auf die ambivalente Struktur der gegenwärtigen Doktorandenausbildung hingewiesen.[fn-1] Sie sind hochgradig abhängig von ihren BetreuerInnen, welche häufig auch ihre direkten Vorgesetzten im Arbeitsverhältnis darstellen. Sie sind institutionell und repräsentativ isoliert, können als Gruppe keine Regulation ihrer Arbeits- und Forschungsbedingungen einfordern und tragen die sozialen und finanziellen Kosten von Scheitern, Prekariat, Misserfolg oder Stress alleine. Das Promotionsstudium entsprecht demnach vorbildhaft der Ich AG.[fn-2]
Möglicherweise kann der Status von Promovierenden ähnliche wie andere Arbeitsstrukturen in der Wissenschaft als vorbildhafter Spielplatz für künftige Arbeitsmarktreformer dienen, wie nicht zuletzt der scheinbare Versuch einer Reform des WissZeitVG verdeutlicht hat.[fn-3]
Der Status des individuellen Doktoranden ist dabei, ähnlich wie jener von lehrbeauftragten PostDocs oder Privatdozenten von beneidenswerter Bescheidenheit. Er wird durch mehrere Ebenen bedingt.

Finanzierung des Promotionsprojekts. Die Finanzierung erfolgt auf unterschiedlichen Wegen. Verbreitet sind Stipendien, Anstellungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Erwerbsarbeit ohne direkten Bezug zum Dissertationsprojekt. Unabhängig von den inhaltlich nötigen oder störenden Beziehungen zwischen Erwerbsarbeit und Dissertationsprojekt, produziert die Vielgestaltigkeit der Finanzierungsweisen unterschiedliche hochschulrechtliche Zustände.
Stipendiaten gelten in den Universitäten meist als Studierende. Wissenschaftliche Mitarbeiter sind rechtlich im Mittelbau zu verorten und extern Finanzierte sind häufig nur Doktoranden insofern die Fakultät einmal eine Akte angelegt haben, wo ihr Name drauf steht. Sie werden keiner hochschulrechtlichen Statusgruppe beigeordnet. Die unterschiedliche Finanzierungssituation führt bereits auf einer ökonomischen Situationen zu Konkurrenzlagen (Zeitdruck und Arbeitslast, Lehrverpflichtungen, keine Möglichkeit Lehrerfahrungen zu sammeln, Reputation), die es verhindern, dass Gruppenbewusstsein unter Doktoranden entsteht.

Kurz- / Mittelfristiger Status. Die Projektkultur, die an Orten beklagt wird, verhindert eine mögliche mittelfristige Planbarkeit. Arbeitsverträge von Mitarbeitern haben jetzt neuerdings eine Mindestdauer von 2 Jahre, Stipendien gelten meist für 3 Jahre. In den wenigsten Fällen genügen diese Zeiträume um eine Dissertation abzuschließen, geschweige denn zu veröffentlichen. Der Zwang zu immer neuen Bewerbungen, Anschlussfinanzierungen, Projekteinreihungen verhindert nicht nur die substantielle Arbeit am eigentlichen Promotionsvorhaben, sondern zwingt erneut in Wettbewerbsstrukturen, die keineswegs die besten Projekte oder kompetentesten Wissenschaftler, sondern die schönste Antragsprosa.

Die Kombination aus erzwungen solipsistischer Fokussierung auf das eigene akademische Fortkommen und ganz basal, die Sicherung des existenziellen Auskommens, der anhaltenden Konkurrenzsituation mit gleichermaßen ökonomisch prekären und rechtlich unsicheren Kommilitonen und drittens die Verweigerung einer hochschulpolitischen Vertretung durch die Universitäten und Länder verstärken die isolierte Lage von Doktoranden. Die Einbindung in unterschiedliche Statusgruppen, an denen sie nur kurzfristig teilhaben verhindert politisches Engagement zu Gunsten der Gruppe der Promovierenden.

Kurz und dreckig einige Gedanken zum Status von Promovierenden an der Universität. Es müsste noch ergänzt werden.

[fn-1]: Ich beziehe mich hier auf meine Erfahrungen aus Baden-Württemberg, die ich unter anderem im Rahmen meiner Tätigkeit für den aufzubauenden Doktorandenkonvent der Uni Heidelberg gemacht haben. Dies kann sich in anderen Ländern geändert haben. Angesichts der gleichbleibenden Forderungen der PI kann allerdings davon ausgegangen werden, das es nicht so ist.
[fn-2] Dementsprechend gehen einige Promovierende dazu über ihre Dissertation über Crowdfunding o.ä. finanzieren zu lassen.
[fn-3] WissZeitG ist das Gesetz über die befristeten Arbeitsverhältnissen an den Hochschulen, die Veröffentlichungen der GEW dazu geben einen recht guten Eindruck.

Max Gawlich

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